Das waagt ihr nicht!

Unsere alte voll-mechanische Personenwaage (Baujahr 1970) ist ein beliebtes Spielzeug für unsere Töchter. Als ich mich neulich mal wieder wiegen wollte, zeigte sie plötzlich 120 kg an. Nein, selbst nach ausschweifenden Grill-Abenden wiege ich nicht so viel. Das Geheimnis war die Justierschraube an der Waage. Unsere Kinder haben sie so weit gedreht, dass das Anzeigeblatt eine komplette Runde gemacht hat und wieder auf Null stand. Nur dass die Messwerte völlig daneben waren. Also habe ich die Anzeige wieder eine ganze Runde zurück auf Null gekurbelt. Danach  zeigte die Wage mir interessanterweise an, dass ich 65 kg wiege. Naja, so ein Hungerhaken bin ich mit 1.90 m Länge nun auch wieder nicht. Abgestiegen, aufgestiegen – Anzeige auf 90 kg. Lange Rede kurzer Sinn: Die Waage war nun also völlig ausgeleiert und zeigte die Werte mit einer so grossen Toleranz an, dass man mit ihr nur noch feststellen konnte, ob man unter Mager- oder Fettsucht leidet.

Ich war meinen Kindern sehr dankbar für die Gelegenheit, mal wieder ein spontanes Geschenk kaufen zu können. Und wenn schon eine Waage, dann bitte eine richtige tolle neue moderne, die auch mein Techie-Herz hüpfen lassen sollte. Eine kurze Webrecherche offenbarte mir, welche sagenhaften neuen Features die Waagen in den letzten 40 Jahren dazugelernt hatten. Da gab es Körperfettmessung, die laut Testberichten allerdings kaum etwas taugten, Sprachausgabe, Personenwaagen mit WLAN oder Bluetooth um die Messergebnisse in eine App zu übertragen und sogar begleitende Luftqualitätsmessungen. Wow! Richtig sinnvoll erschien mir nur die Übertragung der Messergebnisse in eine App, so dass man auch mal eine Statistik über die eigenen Fress-, Diät-, Sport- und Faulheitsattacken sieht.

Also ging es in der nächsten Mittagspause ab in die Stadt, Personenwaage shoppen. Ein Ereignis, das nur alle paar Jahrzehnte auftritt. Im ersten grossen Laden angekommen, lese ich mir die Verpackungen dieser superneuen  Waagen durch: „Überträgt ihre Messergebnisse automatisch an die Webseite der Hersteller, die sie dann mit einer speziellen App auf ihrem Smartphone wieder anzeigen lassen können.“ Ääähhh, wie jetzt?! Ich will die Messergebnisse von der Waage auf mein Smartphone übertragen, nicht irgendwelchen Anbietern in Geiselhaft übergeben. OK, dann eben ein anderer Hersteller. Mist, fast wortgleicher Text. Nächste Waage: „Falls Sie ein bestimmtes Gewicht erreichen, werden automatisch ihre Facebook-Freunde benachrichtigt“. WAAAAAAAAAS!? Sagt mal, habt ihr sie noch alle? Wer um alles in der Welt kauft so einen hirnverbrannten Mist? Also ab in den nächsten Laden, es muss ja wohl irgendwo noch Personenwaagen geben, die einfach nur die Messergebnisse aufs Handy übertragen können, oder?! Leider wiederholte sich das Spiel in jedem Laden der Stadt, die Waagen verkaufen, auf die sich Personen stellen können. Unglaublich, aber ich habe am Ende die technisch so gut wie rückständigste Waage gekauft, die heutzutage überhaupt erhältlich ist. Fast vollständig aus Metall, formschön, superflach und (der einzige Unterschied zu ihrem 40jährigen Vorgängermodell) mit digitaler Anzeige.

Die Lösung für mein „Problem“ der Übertragung der Messergebnisse war auch schnell gefunden:

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Auf meinem Android-Handy habe ich den freien App-Store F-Droid installiert …

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und dort die App Droid Weight installiert.

Jetzt kann ich am Morgen mit dem Handy in der Hand auf die Waage steigen und einfach den angezeigten Wert in Droid Weight übertragen. Da sich Droid Weight den zuletzt eingegebenen Wert merkt, muss man meistens nur noch um ein oder zwei Schritte (0.1 kg) nach oben oder unten korrigieren. Mein tägliches Gewicht erfährt nur die Waage, mein Handy und (wenn sie ganz lieb zu mir ist) auch meine Frau. Und für alle anderen: ja irgendwo zwischen 65 und 90 kg. Und wenn ich mir in 40 Jahren mal wieder eine Personenwaage kaufe, dann bekommen die Datenkraken wieder kein Geld von mir. Eher hole ich die Waage von 1970 wieder aus dem Keller. Ich habe sie nämlich aufgehoben. Man weiss ja nie…🙂

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