Interpretationen einer Überschrift

Januar 24, 2011

Die Überschrift der educa-lernstick-Seite ist:

Am Schlüsselbund
Ihr personalisierter mobiler Computer

Diese Überschrift alleine hat gereicht, um eine recht intensive Diskussion in Gang zu setzen. Überschriften sind verkürzte Formulierungen, die komplexe Werke oder Texte möglichst prägnant beschreiben sollen, sie dürfen und müssen also auch Details weglassen können.

Niemand hat je behauptet, dass der lernstick ein vollständiger Computer sei. Dies ist eine Fehlinterpretation der Überschrift. Der lernstick ist der wichtige, personalisierte und mobile Teil eines Computers, der Platz am Schlüsselbund hat. Die anderen Teile  eines Computers (Tastatur, Bildschirm, CPU, RAM, Schnittstellen, …) sind frei austauschbar, unpersönlich, können komplett heterogen und müssen (z.B. im Fall von Desktop-Computern) selbst nicht einmal mobil sein. Im lernstick-Kontext sind Hard- und Software also komplett voneinander entkoppelt. Sobald ich irgendeinen Computer mit dem lernstick betreibe, ist es mein persönlicher Computer. Daheim, auf Arbeit und in der Schule kann das ein leistungsstarker Desktop oder ein grosses Notebook sein, unterwegs ein kleines Netbook oder sogar ein Smartphone.

Natürlich muss man beim Einsatz des lernsticks entweder vorhandene Hardware weiterverwenden odere neue beschaffen. Im lernstick-Szenario kann man, sollte man vielleicht sogar, muss aber nicht für jeden Benutzer dedizerte Hardware vorhalten. So kann auch mit weniger Computern als lernsticks jeder seinen persönlichen Computer haben, solange nicht alle Benutzer gleichzeitig die Hardware in Anspruch nehmen müssen.

Aus diesen Gründen bringt meiner Meinung nach die Überschrift auf der educa-Seite die Grundidee des lernsticks wunderbar auf den Punkt. Auch wenn es eben eine verkürzte Aussage ist.

Ihr personalisierter mobiler Teil eines Computers

… klingt einfach ziemlich daneben. Aber das ist keine Tatsache sondern nur (m)eine Meinung. Und über Meinungen kann man ja vortrefflich streiten…


Was ist ein Computer?

Januar 22, 2011

Seit einiger Zeit leite ich das lernstick-Projekt. Der lernstick ist ein auf Debian Live basierendes System, das auf handelsüblichen USB-Sticks, USB-Festplatten oder Speicherkarten installiert werden kann, so dass (fast) jeder beliebige Computer von diesen Speichermedien gestartet werden kann.

Wir entwickeln den lernstick im Auftrag der Hasler Stiftung seit 2009 an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und haben nun ein paar tausend Schülerinnen und Schüler mit dem lernstick ausgerüstet. Seit kurzem beteiligt sich nun auch die Educa, die nationale Anlaufstelle für Fragen rund um Informations- und Kommunikationstechnologien in der Bildung der Schweiz, an unserem Projekt, siehe educa-lernstick.

Mein von mir hoch geschätzter Kollege Beat Doebeli hat sich daraufhin in einem Blog-Eintrag sehr über die Wortwahl der educa „personalisierter mobiler Computer am Schlüsselbund“ mokiert und festgestellt, dass der lernstick kein Computer sei.

Ich will die Gelegenheit nutzen, ein paar Gedanken über die Definition von „Computer“ loszuwerden.

Als ich 1987 meinen ersten Computer in die Hände bekam, einen KC 87, war relativ klar, was ein Computer ist: hauptsächlich eine Recheneinheit, Arbeitsspeicher, Tastatur noch ein paar zusätzliche Schnittstellen für Bildschirm, Drucker, usw.

Heutzutage ist die IT jedoch viel komplexer, vielfältiger und auch kombinierbarer geworden.

Daheim haben wir ziemlich viele Computer rumstehen, ich administriere jedoch nur einen einzigen (recht leistungsstarken) Computer. Alle anderen Computer sind (leistungsschwache und stromsparende) Thin-Clients, die lediglich der Ein- und Ausgabe dienen. Um arbeitsfähig zu sein, „borgen“ sich Thin-Clients also den RAM, die Festplatte und die CPU eines Servers. Ist ein Thin-Client kein Computer?

Der Server wiederum hat weder Bildschirm noch Tastatur, Maus, Drucker, Joystick, Webcam, Headset oder Lautsprecher. Das „borgt“ sich der Server alles ganz dynamisch von den jeweiligen gerade angeschlossenen Thin-Clients. Ist ein Server kein Computer?

Genauso wie ein Thin-Client oder ein Server allein nicht sinnvoll einsetzbar sind, ist es auch ein lernstick nicht. Der lernstick muss sich von einem Wirtssystem RAM, CPU und Schnittstellen borgen. Ist ein lernstick (k)ein Computer?

Natürlich ist er kein Computer im klassischen Sinn, da er Daten nicht selbst verarbeitet. Er kann jedoch jederzeit mit der überall vorhandenen Hardware (grosse, leistungsstarke Desktops daheim und in der Schule und kleine, sparsame Notebooks unterwegs) so kombiniert werden, dass man einen personalisierten Computer in den Händen hält oder (im Falle eines Desktops) er vor einem steht.

Da der lernstick so klein ist, dass er am Schlüsselbund Platz hat, wird jetzt vielleicht auch verständlich, warum die educa das Projekt mit der Überschrift „personalisierter mobiler Computer am Schlüsselbund“ bewirbt. Das wird vielleicht nicht der klassischen Definition gerecht, klingt aber deutlich besser als:

Betriebssystem mit automatischer Hardwareerkennung und Speichermöglichkeit für zusätzliche Programme, persönliche Daten und Einstellungen auf einem physisch kleinen Datenträger, der (fast) jeden Computer in Ihr persönliches Gerät verwandelt, den Sie auch am Schlüsselbund befestigen können

Frieden?